Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, kann ich mich nicht erinnern, dass meine Eltern sich in praktischer Hinsicht sonderlich um meine schulische Laufbahn gekümmert hätten.

Sicher, sie haben sich meine Zeugnisse angeschaut, meine Mutter war auch auf dem ein oder anderen Elternsprechtag, aber darüber hinaus beschränkte sich die Kommunikation zum Thema Schule auf die beiläufige Frage „Muss ich irgendetwas wissen?“, die von mir stets verneint wurde.

Nun kann man sagen, dass ich schultechnisch ein ziemlicher Selbstläufer war, vielleicht hatten meine Eltern auch einfach nur Glück.

Allerdings drängt sich mir schon seit der Einschulung meines Großen der Eindruck auf, dass sich die Zeiten hier grundlegend geändert haben. Eltern werden heutzutage wie selbstverständlich in den schulischen Alltag eingeplant.

Schon zu Beginn der Grundschullaufbahn wurde uns mitgegeben, dass Hausaufgaben nicht mehr kontrolliert werden. Die Erzieher in der Ganztagsbetreuung achten nur auf Vollständigkeit, nicht aber auf inhaltliche Richtigkeit. Überspitzt gesagt, wird vom pädagogischen Personal zwar registriert, dass die Seite vollgeschrieben ist. Es kann dort aber der größte Schwachsinn zu Papier gebracht worden sein, was nicht beanstandet wird.

Nun kann man denken, dass das ja völlig in Ordnung sei, solange im Unterricht eine Kontrolle stattfindet. Dem ist aber größtenteils nicht so, und wenn man als Mutter nicht aufpasst, dann zeigt sich bestenfalls bei der nächsten Lernkontrolle schnell, dass zumindest beim eigenen Kind wochenlang in die Leere unterrichtet wurde. Natürlich sind an den mäßigen Noten dann die Kinder und die Eltern Schuld – wer sonst?

Lektion 1 für die berufstätige Mutter ist folglich, dass es besser ist, jeden Abend die Hausaufgaben des Sprösslings auf Korrektheit zu überprüfen. Wenn dann Fehler festgestellt werden, erklärt man den ganzen Themenkomplex am besten auch noch einmal richtig, denn dafür ist an den Lehranstalten bei dem engen Curriculum nun wirklich keine Zeit.

Unnötig zu erwähnen, dass das Hausaufgabenpensum von Jahr zu Jahr zunimmt und damit auch die Zeit, die man mit der Belehrung des eigenen Nachwuchses verbringt.

Noch schlimmer ist es, wenn ein LEK (Lernentwicklungskontrolle, die frühere Klassenarbeit) angekündigt ist. Dann muss ich zu Hochform auflaufen. Ich schaffe mir dann in einer nicht vorhandenen ruhigen Minute den gesamten abzufragenden Stoff drauf – zugegeben in Mathe und Deutsch bin ich durch die tägliche häusliche Nacharbeit ziemlich auf dem Laufenden – in Sachkunde oder Englisch fange ich allerdings bei 0 an.

Dann versuche ich, vor oder nach der Hausaufgabenkontrolle irgendwo noch ein halbes Stündchen mit meinem Sohn unterzubringen, in dem ich ihn mit dem abzuprüfenden Unterrichtsstoff belästige, denn als kaum zumutbare Belästigung empfindet er das. Während  mir meiner Meinung nach schon der ein oder andere didaktische und pädagogische Kniff gelungen ist, kann ich mich nicht ausreichender Honoration desselben erfreuen.

Wenn das Kind darüber hinaus noch Hobbies, Freunde oder andere Herausforderungen hat, dann gleicht dies einer logistischen Meisterleistung.

Haben wir das bisher irgendwie so hingekriegt, so ereilte uns mit dem Übertritt in die vierte Klasse der Supergau! Schulwochen mit zwei LEKs sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Mein Großer und ich haben daher kaum noch Freizeit und gehen uns gegenseitig gehörig auf die Nerven.

Man kann sich vorstellen, dass dies der Gesamtatmosphäre in der häuslichen Gemeinschaft alles andere als zuträglich ist – stattdessen ist es ein ständiger Quell familiärer Frustration!

Morgen schreiben wir Englisch, seit zwei Tagen lernen wir Vokabeln, Wegbeschreibungen und Obsteinkauf und soll ich Euch `was sagen „WTF! Es hängt mir zum Halse heraus!“. Ich freue mich schon auf Sachkunde zum Thema Strom – das ist dann am Freitag dran – schon der Abwechslung wegen.

Die lang geplante Radtour am Wochenende machen wir, obwohl wir es uns zeitlich eigentlich gar nicht leisten können – dafür wird die dem Familienfrieden sicher gut tun – und Grammatik wird eindeutig überbewertet!

In diesem Sinne „Lass mir in Ruhe!“

Ich hänge die Wäsche auf und höre nebenbei Rufus Beck ohrenbetäubend im Zimmer meines Vierjährigen, der gerade eifrig durch seinen Zaubersand baggert. Die beiden pflegen ihre ausgedachten Sprachfehler und scheinen einen Heidenspaß zu haben.

Später versuche ich am Laptop endlich unsere Steuererklärung zu finalisieren, und vernehme ihn schon wieder, diesmal aus den chaotischen Hallen des Großen, eindringlich auf ihn einsprechend. Es ist einer der seltenen Momente, in denen mein Ältester einfach nur widerspruchslos zuhört. Ich bin beeindruckt! Was Rufus Beck so schafft!

Ich komme vom Büro nach Hause, er ist längst da. Seine ruhige, sonore Stimme erklingt von irgendwoher, als wolle sie mich willkommen heißen, kurz bevor der Kleine an guten Tagen angerannt kommt und mir in die Arme springt.

Abends, wenn die Kinder im Bett sind, und mein Mann und ich von Zeit zu Zeit bei einem Gläschen den Tag oder die Woche am Esstisch Revue passieren lassen, ertönen seine Worte gedämpft durch die Kinderzimmertür. Wir hören eigentlich nur den Klang. Er scheint uns zuzuraunen: „Entspannt Euch! Der Tag ist geschafft!“

Rufus Beck ist unser Mitbewohner und quasi allgegenwärtig geworden.

Manchmal mache ich mir Sorgen, weil mein Neunjähriger Stunde um Stunde nur ihm lauschen möchte und total abgetaucht in seiner eigenen Welt verweilt. Für mich und den Rest der Familie ist er während solcher Phasen taub und schwer ansprechbar. Ich frage mich dann, ob das nicht schon eine Sucht ist, ob ich ihn nach und nach verliere.

Von Zeit zu Zeit setze ich mich zu ihm ins Zimmer, was meinen Sprössling sogar freut, solange ich mich ruhig verhalte.

„Harry Potter!“ flüstert Lord Voldemort dann zischend, und Rufus Beck versetzt mich zurück ins Jahr 2000, als mein Mann und ich in unseren 20ern ein Wochenende lang, einander gegenüber auf unser Sofa gekuschelt, verschiedene Harry Potter Bände verschlungen haben. Die Couch war damals noch ein Zweisitzer aus schreienden Farben, und wir noch so jung (und schlank), dass dies der bequemste Ort der Welt für uns war. Ein paar Wochen zuvor hatte ich meinen Geburtstag mit meinen Freunden und Kommilitonen gefeiert und den gewünschten ersten Teil der Harry Potter Romane erhalten. Auslöser meines Geschenkewunsches waren die nicht enden wollenden Schlangen verkleideter Kinder und Erwachsener gewesen, die ich vor den Bücherläden Regensburgs noch spätabends beobachtet hatte, und die mich zutiefst beeindruckten. Es war mir zu diesem Zeitpunkt sehr suspekt und schleierhaft, wie dieser merkwürdige Hype um das Erscheinen von „Harry Potter und der Feuerkelch“ entstanden sein konnte und sich hier so eindrucksvoll zeigte. Das wollte ich genauer wissen – und wurde süchtig. Wenig später habe ich auch meinen damaligen Freund angesteckt. Der Rest ist Geschichte!

Wir haben nicht nur alle Harry Potter Bände gelesen, ach was gelesen – uns einverleibt und eingeatmet! Wir haben später, jedes Jahr Weihnachten auch deshalb entgegen gefiebert, weil wir uns auf unseren traditionellen Kinobesuch freuten, den wir nach allen Regeln der Kunst zelebrierten.

Während ich mich erinnere, schaue ich lächelnd zu meinem großen R., sehe wie begeistert, gespannt und aufmerksam er zuhört, und gönne ihm diese Fantasiereise, den Flow, aus ganzem Herzen. Es macht mich froh, dass er brennt und versteht, wofür auch ich brennen konnte, und dass ich mit meiner Harry Potter Sachkunde in seiner Achtung steigen kann.

Denn manchmal unterhalten wir uns sogar – über Hogwarts, Hagrid, Hermine und Ron und die Dementoren. Die Zaubersprüche beherrscht er mittlerweile viel besser als ich, und natürlich kennt er auch viel mehr Details. Jetzt kann er gegenüber seiner vermeintlich allwissenden Mama glänzen – und das ist vielleicht mit das Schönste von allem.

Wenn nun also Rufus Beck als Wutz mit „Urrrrmelliiii“ mehrere hundert Dezibel laut am Sonntagmorgen durch die Wohnung schallt, nehme ich mir vor, mich nicht zu ärgern, sondern glücklich darüber zu sein, dass mein Jüngster Wawa, Ping, Seele- fant und Tim offensichtlich genauso gut findet, wie ich, und bald hoffentlich auch die Augsburger Puppenkiste lieben wird.

Leiser machen muss er trotzdem!

Schau! Die Sonnenblume da –

Ihr Gelb erstrahlt mit jener Kraft,

Die alles besser fühlen lässt.

Ich denke nicht, was gestern war –

Was ich erreicht, was ich geschafft –

Ich halte den Moment ganz fest.

Ich freue mich am lust’gen Ton

Der Schmetterlinge Flügelschlag,

Den dieser Tag mich hören macht.

Er ist für Winterabend Lohn,

Der niemals wiederkommen mag.

Sag‘ ich mir und spür‘ wie Wärme wohlig macht.

Ich hör‘ den Wind die Sonnenblume treiben.

Ich rieche ihren frischen Duft,

Der mir schon fast vergessen schien.

Ich könnt‘ hier ewig träumend bleiben,

Doch Ruhe die Gedanken ruft.

Ich seh‘ die Wolken weiterziehn.

12.11.1993 – VME

Gleich Freitag dem 13. in der Antike schon als Unglückstag stigmatisiert, zeichnet sich der 1. April seit dem 17. Jh in unseren europäischen Breitengraden und später von europäischen Auswanderern mitgebracht, auch in Nordamerika dadurch aus , dass wir mit unseren Mitmenschen an diesem Tag ganz offiziell Schabernack treiben dürfen und sie durch kleine Streiche und Lügengeschichten in den April schicken dürfen. Aufgelöst wird der Scherz dann durch den Ausruf „April, April“.

Meine Oma hatte immer eine diebische Freude daran, andere zu veralbern. Mit Vorliebe kündigte sie mir an diesem Tag das Ausfallen der Schule, Anrufe des Chefs, in denen verlängerter Urlaub versprochen wurde, oder einen Lottogewinn an.

Ich stöbere an diesem Tag auch gerne in den Nachrichten auf der Suche nach Aprilscherzen. Früher wurde man bei Meldungen wie „fliegende Pinguine gesichtet“ oder “ Einführung des Burgers für Linkshänder“ fündig.

Heutzutage gibt es leider immer mehr Weltgeschehen, dass man vor einigen Jahren ganz eindeutig dem Bereich der Fantasie zugeordnet hätte, welches nun aber traurige Realität geworden ist.

Die zu errichtende Mauer in Mexiko fällt mir in diesem Zusammenhang ein, aber auch der Brexit, dass man der Deutschen beliebtestes Urlaubsziel, die Türkei, aus Angst vor Festnahmen, aber auch aus moralischen Gründen faktisch nicht mehr bereisen kann und will, der Rechtsruck, der durch Europa geht, die Mieten in deutschen Großstädten…

Wenn die Welt den ersten April aber einholt und quasi ad absurdum führt, dann kann man ihn m.E. gleich abschaffen.

Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, mich an diesem Brauch erst dann wieder zu beteiligen, wenn Donald Trump die zweite Amtszeit verwehrt wird, die AfD als Auffangbecken rechter Bedenkenträger und Fanatiker nicht mehr die 5% Hürde erklimmt, die Schere zwischen arm und reich wieder mehr zusammenschnappt, und Topmanager für ihre grob fahrlässigen Fehlentscheidungen und ihre Profitgier keine Weglobboni mehr kassieren, sondern zur Verantwortung gezogen werden.

Da mag der ein oder andere einwenden, dass ich mit diesen Vorgaben schon ganz gute Scherze gemacht habe – aber mir ist es bitterernst.

Immer öfter widerfahren mir Begebenheiten, die mich mich fragen lassen, ob ich vielleicht nicht doch versehentlich aus dem Jahrhundert gefallen bin und es noch nicht bemerkt habe. So wie, wenn man irgendwann aus Forschungszwecken eingefroren wurde und nun nach Jahrzehnten wieder auftaut, sich die Augen reibend, wundernd, in welche Realität man denn da hineingeraten ist. Man kommt irgendwie nicht ganz mit.

Dornröschens Schicksal fällt mir in diesem Zusammenhang ein, und erst jetzt erkenne ich, wie zutiefst verstörend das auf die arme Prinzessin gewirkt haben muss, nach hundert Jahren wieder aufzuwachen – alle Familienmitglieder tot, aber glücklicherweise hat sich an den gesellschaftlichen Gegebenheiten ja nicht so wahnsinnig viel verändert – keine Revolution in der Zwischenzeit, Monarchie immer noch angesagt, Prinzessin durfte sie bleiben, und da auch die Gleichberechtigung noch mindestens hundert Jahre auf sich warten ließ, hinterfragte sie ihr Schicksal auch nach zehn Dekaden nicht, und heiratete freudestrahlend ihren Prinzen.

Ganz so drastisch stellt sich das in meinem normalen Leben natürlich nicht dar. Es sind eher die kleinen Anzeichen auf dem Weg, die ich ganz lange ignoriert habe. Erst kennt keiner mehr Peter Frankenfeld, die Abkürzung „EWG“ wird nurmehr mit dem europäischen Wirtschaftsraum in Zusammenhang gebracht, aber keinesfalls mit einer Samstagabendshow, und irgendwann wird dann die Samstagabendshow an sich überflüssig, weil die neue Generation das die Nation verbindende Sonnabendevent nicht mehr braucht.

Ich habe mir diese, meine Entwicklung, lange Zeit schönreden können, weil ich quasi schon alt auf die Welt gekommen bin.

Als Einzelkind unter Erwachsenen ein häufiger Effekt, welcher noch dadurch verstärkt wurde, dass ich vom dritten bis siebten Lebensjahr bei meinen Großeltern aufgewachsen bin. Peter Alexander war mein Held. Es heißt zwar immer, dass jeder ein Kind seiner Zeit wäre, ich bin hingegen mental eher Kind der 50er Jahre gewesen.

So daran gewöhnt, dass die meisten Gleichaltrigen sowieso nur die Hälfte der Fakten kennen, auf die ich mich beziehe, war es für mich in gewisser Weise normal, sonderbar oder besonders so sein. Es war klar, dass mich nicht alle verstehen, aber zumindest wusste ich, was die anderen meinen – und das generationenübergreifend. Ich habe mich also eher im Wissensvorteil gefühlt.

Wenn Du aber die Zeitgenossen an einer Hand abzählen kannst, die sich erinnern, dass Twix auch einmal Raider hieß, Herr Kaiser schon lange nicht mehr mit großem und fröhlichem Hallo begrüßt wird, und Krisskross nur noch mit dem Zusatz „Amsterdam“ gebraucht wird, dann kommst Du ins Grübeln.

Es ist nämlich schon lange nicht mehr so, dass meine Allgemeinbildung das Beste aller Welten vereint. Das tat sie nur so lange, wie man noch von einer Allgemeinheit sprechen konnte, die über ein ähnliches Bewusstsein und den gleichen Wertekanon verfügt. Das quantitative Moment ist hierbei immanent, und so empfinde ich mich mit zunehmendem Alter auch immer weiter außen vor.

Mit meinem Schicksal bin ich gewiss nicht allein. Die Gesellschaft überaltert ja ob des medizinischen Fortschritts und der verbesserten Lebensbedingungen geradezu. Schizophrener Weise nimmt die Bereitschaft, sich mit seinem Alter abzufinden, aber immer weiter ab. So ist man kaum mehr vor Rentnerrudeln sicher, die in affenartiger Geschwindigkeit mit ihren E-bikes Berg und Tal erklimmen. 60 ist das neue 30. Und alle sehen großartig aus, knackig, fit und teils geliftet. Da viele aber nicht nur äußerlich mit der Generation Y, Millenium oder wie sie alle heißen, mithalten wollen, wird psychologisch verständlich, aber für mich wenig hilfreich, die eigene Epoche gleich mit verdrängt, mindestens aber vertuscht – an wenig erkennt man das wahre Alter mehr als an Erfahrung. Und wer gibt schon gerne zu, ein alter Sack zu sein?

Ich habe damit kein Problem. Mir mangelt es nur an Gleichgesinnten.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich gefährdet bin, mich in eine Alters- und Erfahrungsarroganz zu versteigen. Es gibt wenig, das ich nicht schon einmal gehört habe und viel schon Erlebtes. Nichts Menschliches ist mir fremd, und überraschen kann mich schon seit längerer Zeit gar nichts mehr, seien es Modetrends, politische Zusammenhänge und Machenschaften, wirtschaftliche Bankrotterklärungen und Mechanismen, Idole, Stars, Despoten. Erschwerend kommt hinzu, dass sich bei mir immer mehr und mehr die Grundüberzeugung verfestigt, alles am besten selbst zu wissen und zu können. Das macht das Dasein zwar gelassener und entspannter, aber auch langweiliger.

Also, wie komme ich raus aus dem Dilemma? Ich könnte mich einfach mal auf Neues einlassen.

Das Problem ist nur, dass für mich vieles vermeintlich Niedagewesenes eben doch nur eine Variation von bereits Verhackstücktem ist.

Es gibt natürlich die neuen Medien, denen ich mich verschreiben könnte, aber hier stehen mir meine Sturheit und meine inneren Werte im Weg. Ich habe überhaupt kein Interesse daran, mich und mein Leben möglichst optimal darzustellen, ich erlebe es lieber. Ich will mich auch nicht mit noch mehr Äußerlichkeiten beschäftigen müssen. Ich habe sowieso schon genug damit zu tun, nützliche Informationen aus dem (Main)streameinerlei zu filtern. Außerdem ist mir schleierhaft, wieso manche Menschen, Biographien, Vorlieben und Bilder freiwillig mit Gott und der Welt teilen, für deren Beschaffung und Verwertung man früher ein ganzes Staatssicherheitsministerium unterhalten hat.

Wenn ich derlei durchaus kritische Bedenken äußere, dann schaut mich mein Gegenüber an, als hätte er es mit einem außerirdischen Dinosaurier zu tun, fassungslos, kopfschüttelnd, bestenfalls milde lächelnd angesichts der sich jedem technischen Fortschritt verschließenden Altersstarrsinnigen.

In dem Maße wie ich die Welt nicht mehr wiedererkenne, versteht die Welt mich auch nicht mehr. Vielleicht sollte ich ein Instrument erlernen, da hat sich im Laufe der Zeit, glaube ich, nicht viel am Verfahren geändert, oder eine neue Sprache. Vielleicht sollte ich Bienen züchten. Vielleicht sollte ich eine Protestpartei gründen oder noch mehr Känguru-Chroniken hören.

Oder ich lebe einfach mit meinen Kindern zusammen, präge sie und gebe mein antiquiertes Wissen und meine reaktionären Bedenken, die früher fortschrittlich waren, an sie weiter.

Erste Erfolge konnte ich schon erzielen. Wann immer beiläufig in irgendeinem Zusammenhang das gängige Wort für eine Grenzbefestigung fällt, antwortet mein Sohn manchmal kichernd, manchmal genervt, weil er es schon so oft hören musste, und im schönsten Walter Ulbricht Slang: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Das Leben ist schon schwer genug, ein Ponyhof ist es sowieso nicht. Es ist eine Reise mit ungewissem Ausgang. Der Weg ist das Ziel. Es kostet mich oft mehr, als ich verdien`, um mit Peter Cornelius zu sprechen – reif für die Insel bin I scho lang. Es ist ein Zickzack- und ein Dauerlauf.

Umso wichtiger ist es, dass man in diesem täglichen Tollhaus neben einigen Oasen auch ein paar menschliche Lebenserleichterer findet, und damit meine ich nicht die guten Geister, wie Kita und GBS-erzieher, Putzfrauen, Postboten, Müllmänner, Sbahnfahrer … und REWE Online, ohne die wir in unserem Alltag überhaupt gar nicht über die Runden kommen würden. Ich meine heute die Menschen, die unser Dasein dadurch, dass sie sind, wie sie sind, schon wesentlich angenehmer gestalten.

Man kann diesen Personenkreis gut abgrenzen von jenen, die die Gabe haben, alles um ein Vielfaches komplizierter zu machen, als es ist. Diese Spezies Mensch erkennt man in der Regel schon daran, dass es nahezu unmöglich ist, sich auf einen Termin für ein Treffen oder irgendetwas anderes zu einigen. Damit einhergehend ist fast immer das Fehlen von Humor und notorisches Schwarzsehen. Lebenserleichterer sind auch die nicht, die einfach nicht mitdenken, ja fast schon als weltfremd und alles andere als empathisch zu bezeichnen sind, und dadurch Ihre Umwelt, sollte es sich nicht vermeiden lassen, kooperieren zu müssen, in logistische Dilemmata stürzen. Logische Grundprinzipien können hier nicht vorausgesetzt werden – man wundert sich immer wieder. Oft bin ich dann aber die einzige, die sich wundert, denn mein Gegenüber ist über jegliche Selbstreflektion erhaben, was schon fast wieder bewundernswert ist. Diese Fähigkeit kann das Leben auch leichter machen.

Die Menschen, die ich meine und über die ich heute schreiben will, sind für mich solche, die mir durch ihre positiv und überaus sympathische Art, ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, die mit mir und über mich lachen, auf die ich mich verlassen kann, denen ich erläutern kann, was ich meine, und die das dann auch verstehen. Manchmal muss ich nicht einmal etwas erklären, und sie verstehen trotzdem. Das heißt nicht, dass man immer gleicher Meinung ist, aber das grundsätzliche Wohlwollen füreinander ist da.

Diejenigen, die mir das Dasein ebnen, zeichnet aus, dass sie pfiffig und geistig rege sind, was für mich keinen bestimmten IQ beinhaltet, sondern einfach die Bereitschaft, offen zu bleiben, und auch ´mal Verrücktes oder Unkonventionelles zuzulassen.

Ein gewisses Maß an Toleranz haben diese Leute – schon, weil sie mir das Leben erleichtern, was bestimmt auch nicht immer einfach ist. Im Idealfall haben sie noch die Gelassenheit, mir zu sagen, dass alles nicht so schlimm ist, und unterstützen mich gleichzeitig so weit, dass ich es auch glaube. Sie akzeptieren meine Macken, lassen mir aber auch nicht alles durchgehen. Manchmal wissen Sie ungefragt, was ich in diesem Moment brauche, und auch, womit man mich jetzt gerade besser in Ruhe lässt.

Es ist ein bisschen viel verlangt, das alles von einem einzigen Menschen zu erwarten. Ich habe glücklicherweise meine Lebenserleichterer in ganz verschiedenen Bereichen und Ecken meines Lebens. Sie sind in ganz unterschiedlichen Aspekten für mich da, und einigen möchte ich heute einmal danke sagen!

Ja, liebe Mama, lieber T., liebe Kollegin, liebes C., liebe K. und liebe U., lieber B. und liebe S. – fühl Dich ruhig angesprochen! Schön, dass es Dich gibt, um mit Herbert Grönemeyer zu sprechen.

Traditionell treffe ich mich im Januar mit meinen Freundinnen seit und aus Unizeiten zum Wellnesswochenende in Regensburg, wo wir Ende der 90er/ Anfang der Nullerjahre alle zusammen studiert, gefeiert und Freud und Leid geteilt haben.

Die meisten meiner Mädels sind, wenn auch nicht in Regensburg, so doch zumindest in Bayern geblieben, während ich gebürtige Bayerin und Nord – Süd – Nordlebende seit einer ganzen Weile in einer großen, deutschen Hansestadt ansässig bin.

Da die Hauptstadt der Oberpfalz (noch) keinen Flughafen hat, und ich die ganze Strecke ungern allein mit dem Auto fahren will, ist das Transportmittel meiner Wahl für diesen Anlass die deutsche Bahn.

Auf die etwa sechsstündige Zugfahrt freue ich mich meistens sogar, weil sich mir hier die selten gewordene Gelegenheit bietet, die Süddeutsche Zeitung von Anfang bis Ende zu durchschmökern.

Für die Hinfahrt mit Milchkaffee, Croissant und eben der Süddeutschen gerüstet, machte ich es mir auf meinem Platz gemütlich und fing nach fahrplanmäßiger Abfahrt um 7.47 Uhr mit Seite 1 des Politikteils an.

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