Ich bin eine Blaualge. Ich habe schon gesehen, wie Gut und Böse sich langsam aus dem Urschlamm formten. Ich war dabei, als Ersteres im hellen Licht erstrahlte und zu guter Letzt immer gewann, um das Böse auf seinen dunklen Platz im Schatten zu verweisen, damit es dort sein Dasein fristen sollte. Ach, wie einfach war es damals, die beiden zu unterscheiden! Ich habe genau gewusst, was Unrecht war, wer meine Freunde, wer meine Feinde, was richtig war, was falsch.

Ich hörte den Teufel auf dem Altar tanzen mit lautem Hufgetrappel in der Kirche, feiernd dass die Institution mehr Trennung als Gemeinschaft schuf, mehr Gegner als Verbündete unter den Jüngern, die sich nicht von Gier, Machthunger und Grausamkeit freimachen konnten, weil wir Menschen sind, und seelische Verletzungen und Kriege in der Welt mannigfach befeuerten. Dabei weiß ich genau, dass es den Teufel gar nicht gibt, und er vom ersten Propheten erdacht wurde. Auch den Himmel habe ich erahnen können. Da gab es kein jüngstes Gericht, eigentlich gar keinen Himmel, aber auch keine Hölle, nur John Lennons Stimme, die dazu aufrief, sich einen Ort vorzustellen, an dem alle friedlich zusammenleben, und der Kanon der Harmonie erklingen könnte – trotz aller Unterschiede sind wir alle gleich. Ich habe daran geglaubt.

Und ich bin gut durchs Leben gekommen, immer entlang meines inneren moralischen Kompasses, habe aufbegehrt, weil ich gar nicht anders konnte, meinem inneren Drang folgend. Gegen das Patriarchat, gegen Rassismus, gegen alle Autoritäten, die außer Status keine Daseinsberechtigung hatten bzw. sie langsam verwirkten, weil sie unlauter geworden waren und keinen Sinn mehr ergaben. Ich habe auch hingenommen, wo ich warten konnte, habe geliebt, was und wer in meinen Augen liebenswert war, war im tiefsten Inneren überzeugt und wurde bestätigt, dass am Ende alles gut werden würde. Gut für die Welt und gut für mich. Ich habe Feminismus studiert, Sklavenbefreiung, den Genozid verurteilt, versuchte so sehr zu verstehen, wie so etwas in unserer modernen Welt mit uns vernünftigen Menschen möglich war, und habe es doch nie kapiert, war nur geschockt fassungslos und klar darin, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Ich habe so viel Schuld auf mich geladen, die gar nicht meine war, wegen der Gnade der späten Geburt – schon merkwürdig, wie schwer so eine Verantwortungslosigkeit wiegen kann. Ich hatte einen Traum, dass wir alles überwinden können, dass genug für alle da ist, genug Raum, genug Nahrung, genug Liebe. Ich habe akzeptiert, dass der Kommunismus zwar theoretisch die beste aller Staatsformen sein müsste, dass wir das aber praktisch niemals hinbekommen. Das war der erste Einschnitt, das erste Grau im Schwarzweiß. Aber ich habe weiter gemacht, mich festhaltend an der Gleichheit im Kleinen und an der Kompassnadel, die zur Gerechtigkeit zeigt. Auch wenn wir nie komplett dort ankommen, ist es doch der richtige Weg.

Und dann kam das Leben, kam der Alltag, kam die Verantwortung, hat sich das Faktische Meter um Meter sein Feld erobert, das bestellt werden wollte. Dann habe ich Jura studiert, Miete gezahlt, geheiratet, Kinder großgezogen, Werte vermittelt, von denen ich wusste, dass zumindest ich sie nicht mehr radikal durchsetzen würde. Ich habe ein Haus gekauft, habe einen Beruf, aber keine Berufung gefunden, den Job trotzdem gerne gemacht, gut verdient und alle, die von mir abhängig sind, in eine gute Zukunft führen wollen. Ich ließ auf dem Pfad dorthin so oft und so viele blinde Flecken zu. Ich hätte sonst nicht fortfahren können. Ich habe mich mit Biofleisch, „Atomkraft – nein danke“ und #Metoo beruhigt, habe gespendet, Patenschaften für SOS-Kinderdörfer übernommen, gegen rechts demonstriert, und „nein, meine Söhne geb` ich nicht“ mit Reinhard Mey gesungen.

Und nun ist die Welt so anders geworden, und ich komme nicht mehr weiter mit meinen Überzeugungen, und ich komme nicht mehr weiter mit meinen Beschwichtigungen. Ich bin zum Dinosaurier mutiert. Ich verstehe die Dinge nicht mehr. „Foul is fair und fair is foul“. Wenn der große Bruder Amerika, das Land von Woody Guthrie, Martin Luther King und Joan Baez jetzt mit dem verrückten Hutmacher an der Spitze Kriege anzettelt, der Stärkere sich nehmen kann, was immer er will, und alle zuschauen, weil sich keiner mehr traut, die alternative Wahrheit eine Lüge zu nennen, wenn ich nicht mehr sicher sein kann, wer es gut mit mir meint, dann weiß ich auch nicht mehr, was ich noch sagen soll, was ich noch tun soll, ohne meine Blase hier zerplatzen zu lassen, meine sichere bunte Blase, die über allem schwebt. Andererseits geht sie sowieso kaputt – früher oder später. Wir hätten doch mehr zuhören sollen, die Gräben nicht zu Gebirgsspalten werden lassen. Wenn einer für Atomkraft ist, ist das kein Kapitalverbrechen. Ich denke manchmal selbst, dass wir doch lieber unsere sicheren Atomkraftwerke im Land hätten behalten sollen als Gas von diktatorischen Staaten zu beziehen. Wenn eine Frau Hausfrau und Mutter sein will, ist das ein Lebensentwurf, zwar nicht meiner, aber gewiss auch nicht der schlechteste. Und können wir da nicht einfach mal wieder ein bisschen toleranter sein? Nicht einfach wieder mehr miteinander reden und auch schweigen, statt zu missionieren? Oder einfach mal etwas unkommentiert stehen lassen? Aber wie sollen wir das jetzt noch erreichen?

Am Ende ist es dann doch der Kompass, der bleibt, der bleiben muss. „Du sollst nicht töten.“ Ein Terroranschlag von links ist nicht richtiger als einer vom verhassten rechts. Beide löschen Menschenleben aus. Sei gnädig, barmherzig und liebe Deinen Nächsten. Was wahr ist, sollte wahr bleiben – egal, woher es kommt und wer es schon gesagt hat.

Und was soll ich jetzt mit dieser Erkenntnis, wenn die Welt, wie ich sie kenne, sich langsam auflöst oder rückläufig wird? Wie soll ich ertragen, dass ich oft nur zusehen kann, obwohl ich es vermeintlich doch so viel besser weiß? Wie soll ich das aushalten? Ich war doch mal Idealist. Ich habe doch mal gekämpft. Und nun sehe ich, dass Kämpfe im Moment doch alles nur noch schlimmer machen. Die Dinosaurier starben aus. Ist das denn jetzt auch unser Schicksal? Muss sich die Geschichte zwingend wiederholen?  

Ich weiß nicht, was ich tun soll, woran ich jetzt noch glauben soll. Es bleibt mit nur, den Kompass festhalten, auf die Nadel zu schauen und ihr zu folgen – und zu hoffen, dass ich mir auf dem Weg nicht verloren gehe.

Es ist wieder so weit – die Vöglein singen, die Blüten sprießen, die Bäume schlagen aus und allerorten bemühen sich noch nicht einmal Volljährige, die allgemeine Fachhochschulreife zu erlangen.

Wir Mittelalterliche blicken teils wehmütig, teils erleichtert, teils neidisch auf die Zeit zurück als wir selbst so jung waren, das Leben noch vor uns hatten – voller Träume, voller Ideale, aber auch voller Selbstzweifel und Unsicherheiten.

…dann kann ich nur noch den Kopf schütteln bis zur Nackenstarre.

Um uns vom Diktator Putin energetisch unabhängiger zu machen, reist unser Wirtschaftsminister, promovierter Philosoph, ausgerechnet nach Katar, um für eine langfristige Partnerschaft zu werben.

Zur Erinnerung:

Katar ist der Staat, der nur die wahren Staatsbürger (20% der Gesamtbevölkerung) an Wahlen teilnehmen lässt. Die 80% ausländische Arbeiter dürfen das nicht. Die werden brutal ausgebeutet und drangsaliert. Allerdings sind politische Parteien ohnehin verboten, und regiert wird das Land in Form absoluter Monarchie.

Katar ist das Land, in dem Homosexualität noch immer eine Straftat ist, mit Gefängnis bestraft und dem Gesetzeswortlaut nach unter Todesstrafe gestellt ist.

Wenn in Katar eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt, dann muss sie damit rechnen, wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Vergewaltigung in der Ehe gibt es schon begrifflich nicht. Im Gegenteil, der Ehemann kann die Frau als „ungehorsam“ verklagen, wenn sie ihm den Sex verweigert, aber auch wenn sie arbeiten oder verreisen möchte.

Ach ja, und dann steht Katar im starken Verdacht radikale, islamistische Gruppierungen zu unterstützen.

Für die Mission von Herrn Habeck bzw. unseres deutschen Staates erscheint mir der Begriff „vom Regen in die Traufe“ unzureichend. Ich würde eher von der Wahl zwischen Pest und Cholera sprechen. Wollen wir uns denn wirklich von der einen Abhängigkeit von einem unberechenbaren Ideologen in die nächste Abhängigkeit von einem durch und durch undemokratischen, Menschenrechte offen verachtenden Staatsgebilde begeben?

Ich habe auch keine Lösung für die Energiewende, für Energieknappheit und Wirtschaftsrisiken, aber das kann doch jetzt wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein! Da würde ich, überspitzt gesagt, ja noch lieber weiter Braunkohle verheizen.

Vielleicht sollte unsere Regierung, vor allem auch Herr Habeck sich in Erinnerung rufen, was per Definition ein jeder Staat ist:

  • Ein von Grenzen umgebendes Territorium (Staatsgebiet)
  • Eine auf diesem Gebiet herrschende Staatsgewalt
  • eine auf dem Staatsgebiet ansässige Gruppe von Menschen, das Staatsvolk, also wir!

Ich bin froh, klare Worte wiedergefunden zu haben.

Ich bin keine Mehrheit. Ich bin ich. Aber für Herrn Steinmeier bin ich still.

Ich bin doppelt geimpft und einfach geboostert, trage zum Einkaufen, Zugfahren, im Wartezimmer, im Museum und beim Eintreten ins Restaurant eine FFP2 Maske und achte darauf, dass auch meine Kinder das tun.

Dass mir täglich noch immer Inzidenzzahlen in immer schwindelerregender werdenden Höhen mahnend um die Ohren gehauen werden, ärgert mich. Hatte man sich nicht längst darauf geeinigt, dass die Inzidenz mit Einzug der Omikronvariente als Variante Nummer 1 gar nicht mehr aussagekräftig ist, sondern vielmehr, wie ausgelastet unsere Intensivstationen und Krankenhäuser sind?

Wenn die Inzidenz noch das Maß aller Messungen wäre, was sagt es dann über einen Staat aus, der einst bei Erreichen der Hundertermarke ein ganzes Land monatelang im Lockdown still legte, und jetzt bei der zehnfachen Zahl darüber diskutiert, ob geimpft und/oder getestet ausreichend ist? Damit will ich nicht propagieren, dass wir wieder den totalen Stillstand herbeiführen sollten, sondern im Gegenteil, dass wir mit dieser anderen Variante jetzt vielleicht einfach mal leben müssen, dass die, wie andere Krankheiten auch, eben mal zum allgemeinen Lebensrisiko dazu gehört, dass wir keine Angst haben sollten, zu einer, wenn auch etwas anderen, Normalität zurückzukehren.

Ich halte es für falsch, dass unsere Kinder weitest gehend vom sozialen Leben, Sport und Gemeinschaft ferngehalten werden. Die Stümperhaftigkeit und offensichtliche Ratlosigkeit der Regierenden macht mich wütend. Was heißt es denn, wenn man jetzt Quarantänezeiten für systemrelevante Berufe verkürzt? Dass Feuerwehrmänner, Ärzte oder Mitarbeiter des Wasserwerks schneller wieder genesen oder weniger anfällig sind? Dass wir als Gesellschaft sie weniger schützen können, und die Gesundheit dieser Menschen daher weniger schutzwürdig ist, weil wir sie brauchen? Oder, dass die Quarantäne unter bestimmten Bedingungen für alle verkürzt werden könnte?

Ich bin rational, will mir aber keine Angst machen lassen.

Ich bin es leid, dass man bei jeglicher Kritik an Regierungsmaßnahmen sofort in die rechte Ecke gestellt wird. Daher wäre mir auch eine (nicht anonyme) Umfrage viel lieber, als auf die Straße zu gehen. Dann könnte Herr Steinmeier nach meiner Meinung fragen, wenn die ihn denn wirklich interessiert.

Denn im häuslichen und gesellschaftlichen Diskurs wird Corona bald den Stellenwert von Religion oder politischer bzw. sexueller Orientierung erhalten. Da sprechen wir lieber nicht drüber, da kommen wir nicht zusammen. Ich mag Dich trotzdem.

Es war ein sehr dichtes Jahr, so gesteckt in seiner Dichte, dass ich immer noch damit beschäftigt bin, es zu entwirren. Die roten Fäden habe ich längst erkannt, auch sie spinnen ein Netz, schlängeln sich nicht einfach nur hier und da durchs Dickicht.

2021 war ein Jahr der Veränderung. Wir sind aus der Mietwohnung in der Großstadt ins Eigenheim auf dem Land umgesiedelt. Unser kleiner Sohn wurde eingeschult, schon das allein ein großer Schritt, und nun musste er sogar noch seine Siebenmeilenstiefel anziehen, um in einer komplett fremden Umgebung einigermaßen hinterher zu kommen. Die Stiefel passen nicht ganz, sind ein paar Nummern zu groß. Wir werden gemeinsam herausfinden, wo der Schuh drückt.

Beruflich bin ich Teil der vierten Umstrukturierung in knapp zwei Jahren. Danach ist es genug und ich werde mich neu orientieren. Das ist komischerweise eine große Erleichterung. Erleichtert bin ich oft bei völligen Planänderungen – alles neu, alles offen, fand ich von jeher eher aufregend als beängstigend.

Mein doppelter Boden und meine Sicherheit sind meine Familie, meine beiden Söhne und mein Mann. Ich liebe das Leben mit ihnen in unserem neuen Haus. Das ist die beste Zeit – auch oder gerade weil sie sehr dicht ist.

Ich wünsche uns allen ein erfülltes, gesundes, glücklich und zufriedenes, neues Jahr 2022!

Hat mich vor ziemlich genau einem Jahr (wieder) mit voller Wucht erwischt – und nun sitze ich hier im Wohnzimmer unseres Häuschens, das nach und nach unser Heim wird.

Und ich dachte mir, bevor ich vergesse, wie alles war – das Suchen, das Hoffen und Bangen, das Warten, die Ungewissheit, der große Stress, der Umzug, das Arbeiten, das Streiten, das Schönmachen, das Leben zu viert auf 60 qm zunächst, die Enge, das Neue, das Hadern, die Freude, der Zauber  und immer wieder die Dankbarkeit – gehe ich ein Jahr zurück und mache mir noch einmal bewusst, wie alles war zu der Zeit vor einem Jahr.

Das habe ich vor.

Irgendwann bewegt man sich in seiner Komfortzone, hat ein relativ festes Bild von sich und entspricht diesem auch die meiste Zeit oder versucht es zumindest.

Auch wenn ich früher schrieb „Lasst mich doch bitte in meiner Komfortzone bleiben“ schadet es trotzdem nicht, diese von Zeit zu Zeit zu verlassen – weniger aus dem Mantra der Selbstoptimierung heraus, denn um sich zu testen und noch besser kennen zu lernen. Auf die Dosis kommt es an!

Eine meiner Lieblingsvorstellungen von mir selbst ist der Fels in der Brandung, nur durch wenig aus der Ruhe zu bringen und meistens entspannt und gelassen. Ich freue mich immer, wenn es mir dank innerer Einstellung gelingt. Der Weg dahin ist harte Arbeit, und es klappt fürwahr nicht immer.

Die Verunsicherung kann ich nicht verbannen, sie erwischt mich beizeiten mit voller Wucht auf unbekanntem Terrain. Manchmal versuche ich bewusst, mich ihr auszusetzen, um ihr ein Schnippchen zu schlagen.

An Halloween beispielsweise war mein Sohn im fernen Hamburg auf den Geburtstag eines guten Freundes eingeladen. Die Feierlichkeiten sollten knapp 5 Stunden dauern, und da wir jetzt ländlich fern der Großstadt und noch ferner von unserem früheren Domizil leben und wohnen, lohnte es sich für mich, Chauffeur Mama, nicht, zwischendurch nach Hause zu fahren.

Ganz Zeitnutzer hatte ich die Zeit zwischen Bringen und Abholen mit Verabredungen gefüllt. Allerdings hatte mich eine meiner Freundinnen falsch verstanden, und fragte bereits am Samstag, wann genau ich gleich kommen wollte. Als ich das Missverständnis auflöste, stellte sich heraus, dass sie am Sonntag bereits verplant war, aus unserer Verabredung also nichts werden würde.

So kurzfristig war der „Timeslot“ nicht zu füllen, und so entschloss ich mich, alleine essen zu gehen.

Ich hatte Lust auf Ziegenkäse im Burger mit Feigensauce. Wo man den bekommen kann, muss man sich erst im Vorraum anstellen, um seinen Platz gewiesen zu erhalten. Der obligatorischen Frage des Servicepersonals nach der Anzahl der teilnehmenden Personen, muss man sich stellen. So ist es schon zu Beginn komisch, das Lokal seiner Wahl zu betreten, sich wappnend, dass man explizit erklären muss, tatsächlich und wirklich ganz alleine sitzen und essen zu wollen, auf niemanden zu warten und auch nicht versetzt worden zu sein. Ich habe mich gefühlt, als müsste ich mich für etwas entschuldigen zwischen all den Paaren, Grüppchen und Familien. Flucht nach vorne Typ, der ich bin, stellte ich gleich beim Einlass klar, dass ich einen Tisch für mich alleine suche und gedenke allein zu speisen. Herr Lohse wäre stolz auf mich gewesen!

Ein ermutigendes Lächeln der Kellnerin mit den Worten: „Na das ist doch gar kein Problem!“ entspannte mich und ließ die Vorfreude auf die feige Ziege wieder überwiegen. Mir wurde auch nicht der Katzentisch angeboten, sondern ich durfte mir meinen Platz aussuchen – da hätte ich die Gastronomiefachkraft gar nicht mit meiner momentanen Gefühls- und Lebenslage behelligen müssen. Ich wählte einen leicht erhöhten Tisch in zweiter Reihe.

Bei einer sympathischen männlichen Bedienung bestellte ich das Menü meiner Wahl. Allerdings war er nicht komplett im Bilde und fragte, ob ich noch auf jemanden warten wolle. Schon mit gewisser Gewöhnung erwiderte ich, dass ich beabsichtigte, ganz allein zu schlemmen.

Tja, was tun, bis das Essen kommt? Ich sah mich im Lokal um.

Auf die Antwort hätte ich auch selbst kommen können. Nicht nur allein auf sich gestellte Restaurantbesucher, auch Paare und andere Menschen in Gesellschaft machten es mir vor – es bot sich an, aufs Smartphone zu stieren und darauf herum zu wischen. „Das kann ich auch!“ So dachte ich zumindest, konnte ich aber doch nicht, weil ich mein Handy im Auto vergessen hatte – blöd, wenn so eine Gerätschaft alles kann, sogar den Weg weisen … . Keinesfalls wollte ich mir die Blöße geben, zum Auto zu gehen, zumal ich weder meine Habseligkeiten unbeaufsichtigt im Restaurant liegen lassen wollte, noch riskieren, dass mein gewählter Platz von anderen Neuankömmlingen besetzt würde, nur um dann wieder zu kommen und für den Rest meines Aufenthalts den Kopf gesenkt vor meinem Mobiltelefon zu neigen. Außerdem schoss es mir durch den Kopf, wie oft ich meinen Großen ermahnt hatte, dass Ding bei den Mahlzeiten aus der Hand zu legen. Da konnte ich doch jetzt nicht mit schlechtem Beispiel vorangehen – ungesehen zwar, aber für mich deshalb nicht unvergessen – da sitzen wir wieder mit dem Bild, dem wir entsprechen wollen – aber das ist ein weites Feld, Luise – wo war ich? – ach ja, im Restaurant, allein, ohne Ablenkung, ohne schützende Geschäftigkeit bzw. Beschäftigung. Ein Buch, hinter dem ich mich hätte verstecken können, war auch nicht zur Hand, und so blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Blick durch den Raum schweifen zu lassen, zunächst zum jederzeitigen Senken bereit, dann immer mutiger sah ich von hier nach da, blieb auch mal haften, und nahm einfach wahr, was um mich herum vorging.

Dabei habe ich der jungen Familie zugehört, die am Nebentisch saß und beruhigt festgestellt, dass die Freuden oder besser Herausforderungen des Restaurantbesuchs mit Kindern überall die gleichen sind. Die beiden hatten noch kleinere Kinder als wir, und so kam zum geschwisterlichen Gezanke und Gestreite, der immer wiederkehrenden Frage, wann denn nun die Pommes endlich gebracht werden würden und der anderen nach dem Zeitpunkt der Heimkehr hinzu, dass die Mutter, kaum kam sie vom Toilettengang mit einem Kind zurück, schon wieder mit dem nächsten in gleiche Richtung aufbrechen konnte. Ihr eigenes Essen wurde dabei pappig und kalt, die Eiswürfel im überteuerten Getränk schmolzen, und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, warum diese Familie und wir uns einen solchen Zinnober regelmäßig antaten und dafür auch noch bezahlten. Es war mir in dem Moment aber auch wieder egal, weil ich froh war, einmal auf der anderen Seite zu stehen bzw. zu sitzen. Beherzt biss ich in meinen Burger und kaute ganz in Ruhe.

Die Paare mittleren Alters, die sich wenig bis gar nichts zu sagen hatten, beobachtete ich ebenfalls und war froh, wenn ich daran dachte, dass mein Mann und ich oft ewig zum Bestellen brauchten, weil wir beim viel zu selten gewordenen Zweierdate, endlich einmal Sätze zu Ende sprechen, Gedanken über die Zielgerade hinaus bringen und uns ausgiebig austauschen konnten, vielleicht sogar über Gott und die Welt, und hierüber das Ordern zu kurz kam. Jetzt vermisste ich ihn ein wenig.

Sehr gerne betrachtete ich die vielen anderen Menschen, die einfach nur gesellig zusammen waren und sich freuten, sich über Klausuren und Kommilitonen, Enkelkinder und Hobbies, Freunde und Familie, Politik und den neuesten Trend, die Zukunft und die Vergangenheit, mit einem ganz realen Gegenüber zu unterhalten und die menschliche Gesellschaft zu genießen.

Das habe ich auch getan – ganz allein.

Meine Lieblingsbeschäftigung wird es nicht werden, alleine essen zu gehen, aber so schlimm ist es nun auch nicht …

Kommende Woche ist Bundestagswahl, und ob man möchte oder nicht, so kann man sich dem allgegenwärtigen Wahlkampf nicht entziehen. Sei es, weil an jeder Ecke jemand lauert, um einem eine Broschüre in die Hand – und ein Gespräch aufzudrücken. Sei es, weil man beim abendlichen Zappen durch den Kanälewald unweigerlich auf das nächste Triell – gibt es den Begriff wirklich? – oder Analysen hierzu mit selbsternannten oder tatsächlichen Sachverständigen stößt.

In letzter Zeit beobachte ich zudem, wie sich der Wahlkampf zunehmend in die Kommunikation mit meinen Kindern schleicht. Anbei ein paar Beispiele:

F: „Ich will noch mehr Schokolade!

M: „Auf diese Weise werden wir CO2 Emissionen keinesfalls reduzieren und niemals bis 2035 klimaneutral!“

F oder R: „Das war ich nicht!“

M: „Das Leugnen jeglicher Verantwortung macht diese These ja nicht wahrer. Euch ist in jedem Fall Organisationsverschulden vorzuwerfen, denn schließlich wart Ihr für dieses Ressort verantwortlicher Minister.“

F: „Der ist blöd!“

M: „Man sollte keine Koalition von vornherein ausschließen.“

F: „Dem würde ich gerne mal eine verpassen.“

M: „Wir befinden uns hier immer noch auf dem Boden des Grundgesetzes. Jeder hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit.“

R: „Kein Bock. Chill mal!“

M: „Mit dieser Mentalität werden wir die großen Herausforderungen der Zukunft nicht meistern!“

R oder F: „Aber er darf auch immer! Ihm erlaubst Du es immer!“

M: „Für diese Ungleichbehandlung müsste es einen sachlichen Grund geben.“

F: „Erst Fernsehen, dann Hausaufgaben!“

M: „Damit man zukünftig überhaupt noch fernsehen kann, müsste jeder erst einmal seine Hausaufgaben machen. Dann hätte es auch diese enormen Versäumnisse sowohl beim Klimaschutz als auch der Digitalisierung nicht gegeben!“

R: „Was glaubst Du, wer würde im direkten Kampf gewinnen, Darth Maul oder Saruman?“

M: „Das kann man so gar nicht sagen, denn es sind noch ein Drittel aller Wähler unentschieden.“

In diesem Sinne: Entscheidet Euch und geht wählen!

Der Juli war zu voll. Der Juli war zu aufregend. Im Juli hat mir das Leben das Pläneschmieden wieder einmal gänzlich ausgetrieben.

Jetzt ist August – immer noch voll, immer noch aufregend, aber für Pläne wieder offener, zumindest gefühlt.

Was ist passiert?

Wir haben neu angefangen. Wir verändern uns. Wir haben Abschied von Hamburg und Blankenese genommen und sind auf ins Dorf am See ins nördlichste Bundesland. Unseren Kindern haben wir den kompletten Neuanfang zugemutet – mit neuer Umgebung, neuer Schule, neuen Menschen – alle noch fremd. Und doch wird alles für uns jeden Tag vertrauter, auch wenn um uns herum das Chaos herrscht. Und es fühlt sich gut an, weil das Chaos grün ist und wir uns haben.

Ich freue mich auf den September!

VME

Aus „Stufen“ von Hermann Hesse:

„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Auch dieses Jahr habe ich meiner Freundin Manu zum Geburtstag gratuliert. Ich habe ihr spätabends noch ein kurzes „Happy Birthday“ per Whatsapp zugeworfen, und ihr dann einen Tag später immerhin noch eine Sprachnachricht übermittelt. Meine herzlichsten Glückwünsche habe ich zum Ausdruck gebracht und erklärt, was bei uns mal wieder so alles los ist, und dass deshalb die Zeit symptomatisch noch nicht einmal für einen Anruf gereicht hat.

Am nächsten Tag bedankte sie sich mit einer Sprachnachricht, über die ich mich wahnsinnig gefreut habe, weil ich jetzt bei ihr auch wieder ein auf dem Laufenden bin und sie mir das Zitat beschert hat, das mich zu diesem Beitrag inspirierte „irgendwie ist die Rushhour des Lebens gefühlt nimmer endend.“

Ich frage mich, wann diese „Hauptverkehrszeit“ angefangen hat. Gefühlt hatte ich immer viel zu tun – anpassen, umziehen, lernen, umziehen, mich verlieben, wieder umziehen, wieder lernen, und noch mal umziehen, arbeiten, Job wechseln, Kinder kriegen, Kinder haben, mich immer wieder finden und … ja immer wieder umziehen. Zum Bersten durchgetaktet scheint mein Leben aber erst geworden zu sein, seit ich gänzlich Teil der mittleren Generation geworden bin, was für mich gleichbedeutend ist mit voll im Berufsleben stehend, schulpflichtige Kinder erziehend, pensionierte Eltern habend, auch die Beziehung zum Partner nicht außerachtlassend, sesshaft werdend zur gleichen Zeit immer weitreichendere und immer wichtiger werdende Entscheidungen treffen zu müssen, die nicht nur mich selbst, sondern viele andere betreffen, meist die, die mir am nächsten stehen.

Die Rushhour des Lebens ist in erster Linie bedingt durch Verantwortung. Man hat ganz vielschichtige Verpflichtungen gegenüber ganz heterogenen Interessengruppen und muss damit einhergehend Antworten auf viele verschiedene Fragen finden. Bildlich gesprochen stehen so viele Aufgaben parallel nebeneinander, dass es zum Stau kommen muss, und das, obwohl es doch gefühlt immer schneller gehen muss. Ein echtes Dilemma! Man kann sich nur wünschen, dass es einem irgendwie gelingt, sich geduldig einzureihen, nicht zu dicht aufzufahren und mitunter vom Gas zu steigen, damit man sicher und unversehrt zu Hause ankommt. Irgendwann löst sich jeder Stau.

Und dann liebe Manu, können wir auch endlich wieder länger telefonieren! Ich freu mich drauf!

Und sorry, dass der Beitrag erst im November kommt, im Juni war das Verkehrschaos zu groß. Immerhin hatte es der Titel über die Haltelinie geschafft;-).