Die Kompassnadel

Ich bin eine Blaualge. Ich habe schon gesehen, wie Gut und Böse sich langsam aus dem Urschlamm formten. Ich war dabei, als Ersteres im hellen Licht erstrahlte und zu guter Letzt immer gewann, um das Böse auf seinen dunklen Platz im Schatten zu verweisen, damit es dort sein Dasein fristen sollte. Ach, wie einfach war es damals, die beiden zu unterscheiden! Ich habe genau gewusst, was Unrecht war, wer meine Freunde, wer meine Feinde, was richtig war, was falsch.

Ich hörte den Teufel auf dem Altar tanzen mit lautem Hufgetrappel in der Kirche, feiernd dass die Institution mehr Trennung als Gemeinschaft schuf, mehr Gegner als Verbündete unter den Jüngern, die sich nicht von Gier, Machthunger und Grausamkeit freimachen konnten, weil wir Menschen sind, und seelische Verletzungen und Kriege in der Welt mannigfach befeuerten. Dabei weiß ich genau, dass es den Teufel gar nicht gibt, und er vom ersten Propheten erdacht wurde. Auch den Himmel habe ich erahnen können. Da gab es kein jüngstes Gericht, eigentlich gar keinen Himmel, aber auch keine Hölle, nur John Lennons Stimme, die dazu aufrief, sich einen Ort vorzustellen, an dem alle friedlich zusammenleben, und der Kanon der Harmonie erklingen könnte – trotz aller Unterschiede sind wir alle gleich. Ich habe daran geglaubt.

Und ich bin gut durchs Leben gekommen, immer entlang meines inneren moralischen Kompasses, habe aufbegehrt, weil ich gar nicht anders konnte, meinem inneren Drang folgend. Gegen das Patriarchat, gegen Rassismus, gegen alle Autoritäten, die außer Status keine Daseinsberechtigung hatten bzw. sie langsam verwirkten, weil sie unlauter geworden waren und keinen Sinn mehr ergaben. Ich habe auch hingenommen, wo ich warten konnte, habe geliebt, was und wer in meinen Augen liebenswert war, war im tiefsten Inneren überzeugt und wurde bestätigt, dass am Ende alles gut werden würde. Gut für die Welt und gut für mich. Ich habe Feminismus studiert, Sklavenbefreiung, den Genozid verurteilt, versuchte so sehr zu verstehen, wie so etwas in unserer modernen Welt mit uns vernünftigen Menschen möglich war, und habe es doch nie kapiert, war nur geschockt fassungslos und klar darin, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Ich habe so viel Schuld auf mich geladen, die gar nicht meine war, wegen der Gnade der späten Geburt – schon merkwürdig, wie schwer so eine Verantwortungslosigkeit wiegen kann. Ich hatte einen Traum, dass wir alles überwinden können, dass genug für alle da ist, genug Raum, genug Nahrung, genug Liebe. Ich habe akzeptiert, dass der Kommunismus zwar theoretisch die beste aller Staatsformen sein müsste, dass wir das aber praktisch niemals hinbekommen. Das war der erste Einschnitt, das erste Grau im Schwarzweiß. Aber ich habe weiter gemacht, mich festhaltend an der Gleichheit im Kleinen und an der Kompassnadel, die zur Gerechtigkeit zeigt. Auch wenn wir nie komplett dort ankommen, ist es doch der richtige Weg.

Und dann kam das Leben, kam der Alltag, kam die Verantwortung, hat sich das Faktische Meter um Meter sein Feld erobert, das bestellt werden wollte. Dann habe ich Jura studiert, Miete gezahlt, geheiratet, Kinder großgezogen, Werte vermittelt, von denen ich wusste, dass zumindest ich sie nicht mehr radikal durchsetzen würde. Ich habe ein Haus gekauft, habe einen Beruf, aber keine Berufung gefunden, den Job trotzdem gerne gemacht, gut verdient und alle, die von mir abhängig sind, in eine gute Zukunft führen wollen. Ich ließ auf dem Pfad dorthin so oft und so viele blinde Flecken zu. Ich hätte sonst nicht fortfahren können. Ich habe mich mit Biofleisch, „Atomkraft – nein danke“ und #Metoo beruhigt, habe gespendet, Patenschaften für SOS-Kinderdörfer übernommen, gegen rechts demonstriert, und „nein, meine Söhne geb` ich nicht“ mit Reinhard Mey gesungen.

Und nun ist die Welt so anders geworden, und ich komme nicht mehr weiter mit meinen Überzeugungen, und ich komme nicht mehr weiter mit meinen Beschwichtigungen. Ich bin zum Dinosaurier mutiert. Ich verstehe die Dinge nicht mehr. „Foul is fair und fair is foul“. Wenn der große Bruder Amerika, das Land von Woody Guthrie, Martin Luther King und Joan Baez jetzt mit dem verrückten Hutmacher an der Spitze Kriege anzettelt, der Stärkere sich nehmen kann, was immer er will, und alle zuschauen, weil sich keiner mehr traut, die alternative Wahrheit eine Lüge zu nennen, wenn ich nicht mehr sicher sein kann, wer es gut mit mir meint, dann weiß ich auch nicht mehr, was ich noch sagen soll, was ich noch tun soll, ohne meine Blase hier zerplatzen zu lassen, meine sichere bunte Blase, die über allem schwebt. Andererseits geht sie sowieso kaputt – früher oder später. Wir hätten doch mehr zuhören sollen, die Gräben nicht zu Gebirgsspalten werden lassen. Wenn einer für Atomkraft ist, ist das kein Kapitalverbrechen. Ich denke manchmal selbst, dass wir doch lieber unsere sicheren Atomkraftwerke im Land hätten behalten sollen als Gas von diktatorischen Staaten zu beziehen. Wenn eine Frau Hausfrau und Mutter sein will, ist das ein Lebensentwurf, zwar nicht meiner, aber gewiss auch nicht der schlechteste. Und können wir da nicht einfach mal wieder ein bisschen toleranter sein? Nicht einfach wieder mehr miteinander reden und auch schweigen, statt zu missionieren? Oder einfach mal etwas unkommentiert stehen lassen? Aber wie sollen wir das jetzt noch erreichen?

Am Ende ist es dann doch der Kompass, der bleibt, der bleiben muss. „Du sollst nicht töten.“ Ein Terroranschlag von links ist nicht richtiger als einer vom verhassten rechts. Beide löschen Menschenleben aus. Sei gnädig, barmherzig und liebe Deinen Nächsten. Was wahr ist, sollte wahr bleiben – egal, woher es kommt und wer es schon gesagt hat.

Und was soll ich jetzt mit dieser Erkenntnis, wenn die Welt, wie ich sie kenne, sich langsam auflöst oder rückläufig wird? Wie soll ich ertragen, dass ich oft nur zusehen kann, obwohl ich es vermeintlich doch so viel besser weiß? Wie soll ich das aushalten? Ich war doch mal Idealist. Ich habe doch mal gekämpft. Und nun sehe ich, dass Kämpfe im Moment doch alles nur noch schlimmer machen. Die Dinosaurier starben aus. Ist das denn jetzt auch unser Schicksal? Muss sich die Geschichte zwingend wiederholen?  

Ich weiß nicht, was ich tun soll, woran ich jetzt noch glauben soll. Es bleibt mit nur, den Kompass festhalten, auf die Nadel zu schauen und ihr zu folgen – und zu hoffen, dass ich mir auf dem Weg nicht verloren gehe.

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